Charly Böcker im Kreuzherren Eck

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„War Charly schon hier?“


von Gernot Schwarz

Ich sitze im Kreuzherreneck und warte auf den trinkfesten Ex-Schlossergesellen, „Vorflutlandbesitzer“, Hühnerzüchter und späteren Kunstdiener der Düsseldorfer Kunstakademie Karl Böcker, besser bekannt unter seinem „richtigen“ Namen – Charly.
Charly und ich verabreden uns oft, schließlich haben wir regelmäßig wichtige Dinge zu besprechen : Wieviele Kringel von Metzgermeister Wendels Blutwurst brauchen wir (Charly schwört auf Blutwurst von Metzgermeister Wendel aus Unterrath), wer besorgt die Röggelchen, wer die Zwiebeln, wer den Senf? Es geht dann mal wieder um eine „internationale“ Kunstausstellung im Kreuzherreneck, die es zu organisieren gilt. Ausstellungen haben hier Tradition: 1954 wurde die gemütliche Kneipe zur Keimzelle der Düsseldorfer Kunstszene, von hier aus sind Künstler in die Welt gegangen und und berühmt geworden. Das ist lange her. Die Übriggebliebenen organisieren.
Gemütlich ist die Kneipe noch immer wie früher, hier sitzen Künstler, Prinz und Graf neben Schneider und Schuster. Hier trifft man aber auch Gäste, die unter Kunst nur Antiquitäten und Oper verstehen und den Begriff Künstler mit Heintje, Rastelli und Maria Schell verbinden und den Schwierigkeitsgrad von Kunst an ihrem eigenen Können messen.

Ich unterhalte mich gerne mit Charly: Nach zwei, spätestens drei Gläschen zur Feier des Tages, beginnt sein grauer Schnauzer verheißungsvoll zu wippen, und man erfährt die neuesten Geschichten rund um die Ratinger Straße, in der die Originale noch nicht ganz ausgestorben sind. Er kennt auch die Geschichten um und über Zeitgenossen von anno dazumal bis vorgestern, an die man sich im Kreuzherreneck aus gutem Grund noch erinnern mag.
Eigentlich ist Charly ein Mensch der eher ruhigen, zähen Art – eben so, wie man es von einem Künstler erwartet, der seine Visionen liebt. Was ihn bewog, als junger Geselle den Schlosser-Hammer beiseite zu legen, ist klar: er wollte nach Afghanistan, einen Garten mit Seidenhühnern, unbedingt zur Kunstakademie, eine kaputte Orgel reparieren, eine begabte Koreanerin heiraten und ein Buch über das Kreuzherreneck machen.
Vom Anspruch zur Umsetzung allerdings war es ein weiter Weg. – Nicht immer gelingen solche Versuche.


Reise nach Afghanistan
Irgendwann packt Charly die Abenteuerlust und fährt mit einem Kollegen im180er Mercedes nach Afghanistan, das ist über 30Jahre her. Er landet in Kabul wohnt dort mit einem alten Schmuggler im Hause des Leibartztes des Königs von Afghanistan. Die Widrigkeiten allerdings, soviel Realismus muß sein, fangen beim Geld an und hören beim Geld auf. Seine Brötchen verdient sich Charly mit Autoreparaturen, Haschischschmuggel und Teppichhandel. Gute Kontakte pflegt er mit dem Bürgermeister von Kabul, der ausgerechnet mit einer Oberkasselerin verheiratet ist. Ein Jahr lang schlägt er sich so durch, dann zieht es ihn wieder in die Heimat, schließlich muß er ja irgendwann zur Kunstakademie. Vorher will er aber auf jeden Fall Hühner züchten. Er kauft sich einen riesigen Schrebergarten vor dem Niederkasseler Deich. Jetzt ist er „Vorflutlandbesitzer“ und kann sich seinen geliebten „Antwerpener Bartzwergen“ und den „Chinesischen Seidenhühnern“ widmen. Der Garten ist zwar alle paar Jahre überflutet, aber keine Sorge: seine Hühner nimmt er dann mit nach Hause.


Kunstakademie
Der Weg zur Kunstakademie ist frei, Charly kann jetzt endlich freier Graphiker werden. Sein verständnisvoller und geduldiger Lehrmeister an der Akademie ist Franz Eggenschwieler, von der Natur aus mit einem humorvollen Wesen ausgestattet und von Beruf Schweizer. Charly wird irgendwann Meisterschüler. Als Dank übernimmt er das schmucke Anwesen seines Meisters auf dem Böhler Weg. Franz Eggenschwieler geht zurück in die Schweizer Berge, Charly bleibt an der Akademie und wird zum Diener der Kunst. Davon kann man leben.
Es gibt viel zu tun für einen freien Grafiker, der Spaß an seiner Arbeit hat. Er versteht es auf seine Art glänzend, seinen Studenten den richtigen Kurs zu vermitteln. Er behält die Mitglieder seiner Spezialgemeinde auch weiter im Auge, wenn sie die Akademie wieder verlassen haben.
Nächstes Jahr wird Charly pensioniert, viel zu früh, wie er meint. Freunde befürchten, daß er die Akademie erst verläßt, wenn man ihn mit den Füßen zuerst aus dieser weihevollen Stätte trägt.


Eine Orgel wird repariert
Charly Böcker ist kein Mensch, der in seiner Stammkneipe einfach rumsitzt und geradeaus guckt, irgendwas gibt´s immer zu tun, z.B. eine alte Orgel reparieren.
Das Kreuzherreneck ist wohl die einzige Kneipe in der Altstadt, die mit einer Drehorgel ausgestattet ist. Die Bacigalupo- Orgel ist eine echte Rarität, sie wurde 1954 im Kreuzherreneck installiert. Da der Schankraum nicht besonders groß ist, fand die Orgel ihren Platz über der Damentoilette. Die Gäste stiegen auf den Stuhl, warfen zehn Pfennig ein. Die Orgel spielte alsbald Wiener Walzer und Kirmesmusik. Aber die Orgel gab ziemlich bald ihren Geist auf. Blieb die nächsten Jahrzehnte stumm. 40 Jahre lang fristete die alte Berliner Drehorgel über der Damentoilette ihr verstaubtes Schattendasein. Erst 1996 entdeckte irgendjemand die verborgene Schönheit des Instruments: Charly Böcker.
Der Rest ist schnell erzählt: Es wurden 20000 DM gesammelt, die Orgel im Schwarzwald restauriert und bald darauf wurde ein schönes Orgelfest gefeiert.


Frau Böcker
Während Charlys Akademiezeit taucht eine Frau auf, die für Charlys Zukunft eine Schlüsselrolle spielen wird – Yu, eine begabte Studentin westlicher Kunst aus Fernost. Yu soll Frau Böcker werden – sehr zum Mißfallen ihrer königlichen Familie in Korea. Erst als die Mutter aus Korea einfliegt und ihren „Schwiegersohn in Spee“ in Augenschein nimmt, wird alles gut: Charly heiratet sein „Reiskörnchen“. Ein ungleiches Paar, das sein Verliebsein genießt, auch wenn einem das Gefühl beschleicht, daß beide manchmal etwas völlig anderes darunter verstehen.


Das Bobby-Buch
Irgendwann hatten Charly und ich eine kuriose Idee: Ein Buch über das Kreuzherreneck.
Die Recherchen zum Buch waren nicht einfach:
Wenn Charly Böcker noch heute unheimlich wichtige oder heimlich unwichtige Leute in dieser Sache um 24 Uhr aus dem Bett klingelt, findet er das völlig in Ordnung. Es geht schließlich um das „Bobbybuch“.
Die rheinische Lust am Gewährenlassen hat sich jetzt ausgezahlt: das Buch ist da. Der Mann mit der Mütze hat es tatsächlich geschafft: Ein solches Buch schafft eben nur einer, der ein wenig verrückt ist, und genau weiß, wann seine Stunde gekommen ist.

„War Charly schon hier“
Nein, Charly war noch nicht hier!

Irgendwie bin ich noch zu früh!